NV Bühne


Fakten, Fragen und Antworten rund um den Normalvertrag Bühne

NV Bühne: Der schlechteste Tarifvertrag aller Zeiten?

NV Bühne Solo Theater MaskeOb vor oder hinter der Bühne, der Arbeitsplatz am Theater ist für viele Menschenn ein Traumberuf. In Zeiten von Subventionskürzungen und steigendem Produktionsdruck, sind die realen Arbeitsbedingungen am Theater allerdings oft weniger traumhaft. In freien Ensembles als auch an den 140 öffentlich getragenen Theatern ist prekäre Beschäftigung die Regel.

Obwohl europaweit eine Vielzahl an rechtlichen Standards wie Arbeitszeiterfassung, angemessene Bezahlung, grundlose Befristung oder Kündingungsschutz bei Krankheit oder Schwangerschaft in den meisten Berufen gesetzlich garantiert sind, gelten diese Errungenschaften für die meisten Theaterberufe nach wie vor nicht.

Der Grund dafür ist eine rechtliche Konstruktion, auf den sich die meisten Arbeistverträge an subventionierten Bühnen beziehen: Der Normalvertrag Bühne, kurz: NV Bühne.

Der NV Bühne gilt in seiner aktuellen Form mit laufenden Ergänzungen und kleineren Veränderungen seit dem 1. Janur 2003. Verhandlungspartner dieses besonderen Tarifvertrags sind die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger (GDBA) auf Arbeitnehmer-Seite und auf Arbeitgeber-Seite der Deutschen Bühnenverein (DBV) und der Verband der Opernchöre und Bühnentänzer e.V. (VdO).

Der NV Bühne gilt nach §5 Tarifvertragsgesetz als allgemeinverbindlich, er betrifft also auch Theaterbeschäftigte, die gar nicht Mitglied der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger sind.

Hervorgegangen ist der NV Bühne als Zusammenfassung verschiedener theaterspezifischer Tarifverträge, deren Vorstufen bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreichen. Dies sind zum Beispiel der NV Bühne Solo, der Normalvertrag Chor, der Normalvertrag Tanz und unterschiedliche Bühnentechniker-Tarifverträge.

Damit prägt der NV Bühne seit über hundert Jahrem mit zunehmender Relevanz die nach wie vor sehr besonderen Bedingungen der der meisten Theaterberufe.

Anders als bei Tarifverträgen üblich, dient der NV Bühne weniger dazu, die Arbeitnehmerschaft zu stärken. Er soll vielmehr Freiheiten schaffen, die im Idealfall eine künstlerisch sinnvolle Theaterarbeit erst möglich machen. Dazu zählen zum Beispiel agile Probenzeiten, Planungsflexibilität, regelmäßiger Vorstellungsbetrieb an Wochenenden und Feiertagen und die Möglichkeit, MitarbeiterInnen für eine Spielzeit ohne Kündigungsrecht zu verpflichten oder aus rein subjektiv-künstlerischen Gründen bestehende Verträge nicht zu verlängern.

Viele betroffene KünstlerInnen verteidigen den Entzug solcher Beschäftigungs-Standards als notwendige Grundlage jeder Theaterarbeit. Die natürlich Fluktuation innerhalb künstlerischer Ensembles und die geringen Lohnkosten werden gar als Voraussetzung für eine kreative Arbeit an deutschen Bühnen verstanden.

So warnt der Deutsche Bühnenverein im Namen von Theaterleitung und Kulturpolitik davor, den Normalvertrag dem öffentlichen Dienst anzugleichen, wie es seit der Einführung des NV Bühne von Arbeitnehmer-Vertretungen wie ver.di oder der GDBA gefordert wird: Eine Integration von SchauspielerInnen, SängerInnen, TänzerInnen und künstlerischen BühnentechnikerInnen in den öffentlichen Dienst mache das Theater unflexibel und erheblich teurer, heißt es.

Bei Kritikern des NV Bühne gilt der Normalvertrag hingegen als schlechtester Tarifvertrag aller Zeiten. Das nicht nur wegen seiner schlechten Bezahlung. Er macht durch die systematische Entrechtung der Betroffenen Selbstausbeutung und Machtstrukturen möglich, die in anderen Berufszweigen längst nicht möglich sind.

Flexibel und verfügbar: Arbeitsbedingungen unter NV Bühne

Die Aufgane des NV Bühne ist es, agile Arbeitsbedingungen zu schaffen, die einen reibungslosen Proben- und Spielbetrieb ermöglichen. Dies fordert große Opfer, abgesehen von den geringen Gagen: Das Einstiegsgehalt NV Bühne liegt zur Zeit bei 2.000 Euro.

Der Normalvertrag regelt beispielsweise die Arbeitseinteilung dergestalt, dass Arbeitszeiten erst kurzfristig am Nachmittag des Vortag durch Anschlag bekanntzugeben sind. Damit jederzeit auf spontane Änderungen der Leitungsteams reagiert werden kann, besteht zudem die Verpflichtung, ständig erreichbar zu sein. Das gilt auch für Urlaubstage. – Der NV Bühne macht jede mittelfristige private oder familiäre Planung unmöglich.

Durch den NV Bühne wird die Vereinbarung von Berufsleben und Familie oder Partnerschafft ebenso erschwert, wie ein soziale Engagement außerhalb des Theaters.

Ein großer Fortschritt ist es, dass seit 2006 die Arbeitszeit auf 40 Stunden pro Woche begrenzt ist. Zuvor galt lediglich ein Recht auf eine angemessene Nachtruhe von 11 Stunden ohne jegliche weitere Arbeitsstundenregelung.

Eine organisierte Zeiterfassung erfolgt besonders für künstlerische tätige Beschäftigte in der Realität allerdings tatsächlich immer noch nicht. So werden individuelle Vorbereitungszeiten wie das Textlernen nicht erfasst. Entgeltungen wie überstundenabbau oder Bezahlung zusätzlicher Arbeitszeit sind dem NV Bühne fremd.

Durch die häufig fehlende Fürsorgepflicht der Theaterleitungen und durch den eigenen Idealismus kommt es zu systematischen Verletzungen des Arbeitszeitgesetzes.

Der NV Bühne als befristeter Vertrag

In der Regel wird der NV Bühne für die Dauer einer Spielzeit geschlossen. Wird keine sogenannte „Nichtverlängerung“ ausgesprochen, verlängert sich der Vertrag um jeweils eine weitere Spielzeit.

Um der Theaterleitung ein größtmögliches Maß an künstlerischer Freiheit einzuräumen, muss die Nichtverlängerung eines Theatermitglieds nicht objektiv begründet werden. Es obliegt dem subjektiven künstlerischen Empfinden der Intendanz, das Arbeitsverhältnis willkürlich enden zu lassen.

Erst nach 15 Jahren durchgängiger Beschäftigung ist die übernahme in einen unbefristeten Vertrag möglich. Solche Zeiten werden allerdings in der Theater-Realität selten erreicht. Der NV Bühne ist damit in der Regel eine befristete Beschäftigung.

Die Nichtverlängerungs-Mitteilung muss beiderseits jeweils im Oktober erfolgen. Danach ist ein Austritt aus dem Vertrag nur durch eine gegenseitige Aufhebung möglich.

Eine Kündigung kennt der NV Bühne in der Regel nicht. Zwar kann im Arbeitsvertrag ausdrücklich das Recht auf eine Kündigung am Ende der Spielzeit zusätzlich vereinbart werden (§43), dies geschieht in der Praxis jedoch selten. Ist dies nicht der Fall, kann das Arbeitsverhältnis regelrecht nur durch die Nichtverlängerung beendet werden.

Damit garantiert der NV Bühne eine gewisse Form der beruflichen Sicherheit, andererseits bindet er die Theaterschaffenden in gleicher Weise.

Entscheidet sich ein Ensemble-Mitglied erst nach Ablauf der Oktober-Frist das Arbeitsverhältnis zu beenden, so kann sie oder er bei fehlender Kulanz der Theaterleitung nicht aus dem Vertrag und muss auf das Ende der folgenden Spielzeit warten. – Im ungünstigsten Fall sind dies 21 weitere Monate Beschäftigung, ehe das Arbeitsverhältnis beendet werden kann.

Eine Ausnahme ist hier übrigens der Krankheitsfall. Der NV Bühne regelt hier ausdrücklich, dass die Theaterleitung zum Spielzeitende kündigen darf (§43,4), um längerfristig erkrankte ArbeitnehmerInnen nicht weiter beschäftigen zu müssen. 

NV Bühne für alle?

NV Bühne SoloDer NV Bühne war ursprünglich – zum Beispiel als NV Bühne Solo oder Tanz – ständigen Ensemble-Mitgliedern wie SchauspielerInnen, SängerInnen oder TänzerInnen zugedacht, um den Theaterbetrieb mit seiner besonderen Arbeitsbedingungen gerecht zu werden. Inzwischen gilt der NV Bühne für fast alle Berufsgruppen an öffentlichen Bühnen.

2002 haben die DBV und die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger (GDBA) im NV Bühne den Geltungsbereich (§ 1 Abs. 3 NV Bühne) erweitert. Der Normalvertrag Bühne kann seit dem 01. Januar 2003 auf alle „überwiegend künstlerisch tätigen“ Beschäftigten angewendet werden.

Welche Berufsgruppen des Theaterbetriebs unter diese Definition fallen, regelt der NV Bühne allerdings nur zum Teil. Und so sind inzwischen fast alle Beschäftigten öffentlicher Theater an den NV Bühne gebunden. Für sie galt noch vor der Jahrtausendwende die deutlich arbeitnehmerfreundlicheren Tarifverträge des öffentlichen Dienstes.

Juristisch reicht die Vereinbarung über eine überwiegend künstlerische Tätigkeit aus, damit der NV Bühne Anwendung finden kann, unabhängig davon, ob es sich um eine tatsächlich künstlerische Position wie SchauspielerIn, TänzerIn, MuskerIn oder um Berufsfelder handelt, die im Theaterbetrieb der Bühne fern bleiben, wie DisponentIn, TheaterpädagogIn handelt.

Die Nachteile liegen auf der Hand:

Daher führte die Erweiterung des NV Bühne 2003 zu deutlich schlechteren Arbeits- und Sozialbedingungen für die meisten ArbeitnehmerInnen in technischen oder organisatorsichen Bereichen und Gewerken.

So ermöglicht der NV Bühne eine sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträge, die nach EU-Recht eigentlich vermieden werden muss.

Norbert Reykers, von der ver.di-Fachgruppe Theater und Bühnen, bringt es auf den Punkt:

Ich kenne aus meiner mehr als 30jährigen Theaterpraxis keinen technischen Beschäftigten, der tatsächlich »überwiegend künstlerisch« tätig ist. Kein Theater würde funktionieren, wenn zum Beispiel Bühnen- und BeleuchtungsmeisterInnen, GewandmeisterInnen, MaskenbildnerInnen und RequisiteurInnen mehr als die Hälfte ihrer Tätigkeit tatsächlich künstlerisch, das heißt, eigenschöpferisch, tätig wären. Das würde nämlich bedeuten, dass für ihre bisherigen wesentlichen Aufgaben – die Umsetzung der Anweisungen von Regie, Kostüm- und Bühnenbild – kaum noch Zeit bliebe. Unter diesem Aspekt wird es geradezu grotesk, wenn die Theaterleitungen nun auch noch immer häufiger mit TontechnikerInnen, BeleuchterInnen und BühnenhandwerkerInnen eine »überwiegend künstlerische« Tätigkeit vereinbaren. In der Konsequenz gäbe es dann jeden Abend eine »Premiere«, da Toneinspielungen, Lichteinstellungen und das Bühnenbild »eigenschöpferisch« gestaltet würden. Das wäre sicherlich spannend, aber gewiss nicht im Sinne von Theaterleitungen und Regieteams.

(Gedanken zum Geltungsbereich TVöD/NV Bühne)


Inwiefern es als Soufleuse, InspizientIn, MitarbeiterIn in der öffentlichkeitsarbeit oder gar als DisponentIn ratsam ist, die eigene Tätigkeit als überwiegend künstlerisch und eigenschöpferisch zu verstehen, ist genauso fraglich, wie die Begründung, warum man diesen Berufsgruppen eine Arbeitszeitregelung oder die Chancen auf eine unbefristete Anstellung verwehrt.

Wie lange eine solche Praxis noch zulässig bleibt, ist allerdings fraglich. So hat das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg 2018 im Sinne eines Bühnentechnikers entschieden und die Befristung durch den NV Bühne erstmals als rechtswidrig eingestuft. Das Gericht folgte der Anschauung, dass es nicht genüge, lediglich vertraglich zu vereinbaren, dass eine „überwiegend künstlerische Tätigkeit“ vorliege. Es bleibt abzuwarten, inwiefern die fast flächendeckende Anwendung des NV Bühne für einige Tätigkeitsbereich wieder eingeschränkt wird. Zu hoffen wäre dies in jedem Fall.

Quellen zum NV Bühne

Weiterführende Artikel

Fragen und Antworten zum NV Bühne

Der NV Bühne regelt leidglich die Mindestgage. Sie liegt aktuell bei wenigstens 2.000 Euro und wird in regelmäßigen Tariferhöhungen angepasst. Häufig ist dies das Gehalt, das bei Berufsanfang gezahlt wird. Einige wenige Theater leisten sich erhöhte Mindestgagen. Allen voran das Theater Bremen, das zunächst auf zwei Spielzeiten befristet höhere Mindestgagen für DartellerInnen von 3.000 Euro zahlt (AssistentInnen 2.600). Auch einige weitere Spielstätten wie die hessischen Staatstheater, das Stadttheater Gießen oder das Theater in Köln, Oberhausen, Heilbronn und Dortmund zahlen erhöhte Mindestgagen. Die Vergütung bei längerer Beschäftigung ist Verhandlungssache und ist im NV Bühne nicht verbindlich geregelt. Sie kann je nach Theater und Position etwa 100-200 Euro oder mehr pro Spielzeit betragen. Ebenso kommt es aber auch vor, dass Theater auch erfahrenen SpielerInnen lediglich die Mindestgage zahlen.

Nach §1 des NV Bühne gilt für Gäste der Normalvertrag nicht. Eine Ausnahme bilden hier ausdrücklich §53 (Bühnenschiedgerichtsbarkeit), §60 (Vermittlungsgebühr trägt je zur Hälfte das Mitglied und das Theater), §98 (Ausschlussfrist von Entgeltansprüchen sechs Monate nach Fälligkeit).

Der NV Bühne gilt als Tarif-Vertrag nur an jenen Theatern, dessen Träger Mitglied im Deutschen Bühnenverein sind. Dies sind zur Zeit 68 von rund 200 Privat-Theatern in Deutschland. Hinzu kommen zahlreiche freie Ensemble ohne Mitgliedschaft. Somit gilt der NV Bühne für die meisten Privat-Theater und freien Ensembles nicht.

Tatsächlich existiert für eine länger befristete Anstellung an den meisten öffentlichen Theatern in der Regel keine vertraglich Alternative. Eine Ausweichsmöglichkeit ist ein Gastvertrag, für den die meisten Verbindlichkeiten des NV Bühne nicht gelten, oder die Zusammenarbeit mit einem Privattheater oder freien Ensemble.

Für Angestellte ist der NV Bühne beim jeweiligen Arbeitgeber einzusehen. Eine aktuelle Version lässt sich auch über den Rehm-Verlag bestellen. Der Text kann auch hier heruntergeladen werden.

Papier verbrennt mit etwa 4 Kilokalorien pro Gramm. Ein Din A4 Blatt (80g/m²) wiegt etwa 5 Gramm. Folglich setzen 108 Din A4 Seiten bei ihrer Verbrennung 2.160 Kilokalorien Energie um.

Eine Möglichkeit ist es, Zivilcourage zu zeigen und sich selbst zu engagieren. Allen voran setzt sich das Ensemble-Netzwerk für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen an öffentlichen Theatern ein. Hier finden sich weiter Informationen zu Aktionen und Kontaktmöglichkeiten zu Gleichgesinnten.